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Rhein-Zeitung, 15.05.2013

Psychisch Kranker bangt um seine Anlaufstelle

Porträt: Der Koblenzer Maik Seiler spricht über sein Leben, hilfreiche Unterstützung und Vorurteile, denen er begegnet

Von unserer Redakteurin

Doris Schneider

M Koblenz. Maik Seiler hat sich von sich aus bei der Rhein-Zeitung gemeldet. Die drohenden Zuschusskürzungen für die Beratungsstelle für psychisch Kranke bei der Stiftung Bethesda sind für ihn der Anlass: „Wenn die Anlaufstelle zumachen müsste oder sich nur noch um ganz schwere Fälle kümmern könnte, dann kann mir das echte Schwierigkeiten machen“, sagt er.

Der 43-Jährige ist psychisch krank, erzählt er im Gespräch in seiner kleinen Junggesellenwohnung in Arzheim. Mit Unterstützung verschiedener Stellen schafft er es aber seit mehr als zehn Jahren, mit ambulanten Hilfen klarzukommen. „Es geht mir jetzt ganz gut.“

Aber regelmäßige Hilfen braucht er nach wie vor, unter anderem die Unterstützung durch die Betreuer in der Anlaufstelle für psychisch Kranke, die die Stiftung Bethesda in der Koblenzer Bogenstraße unterhält. Die Arbeit der Begegnungsstätte muss möglicherweise eingeschränkt werden, weil die Zuschüsse halbiert werden (die RZ berichtete).

„Ich weiß nicht, ob ich schon als Kind psychisch krank war“, sagt der große, kräftige Mann nachdenklich. „Anders. Ich war anders.“ Die Dinge, die die anderen Jungs taten, interessierten ihn nicht die Bohne, egal, ob es um Sport oder andere Wettbewerbe ging. Der kleine Maik malte lieber, bastelte, war gern für sich. Und er konnte es nicht ertragen, wenn einem anderen Menschen oder einem Tier etwas angetan wurde. Egal, ob es um das kleine Mädchen ging, das im Kindergarten von zwei Jungs im Sandkasten geärgert und beworfen wurde, oder um den Fisch, den sein Vater angelte und tötete – der kleine Junge konnte es nicht aushalten. Bei der Geschichte mit dem Fisch lief er in den Wald und steckte sich selbst eine Glasscherbe in den Mund. „Ich wollte wissen, wie der Fisch sich fühlt.“

Von anderen gequält

Wie schnell er zum Lästerobjekt der anderen und dann auch zum Mobbingopfer wird, kann man sich vorstellen. Schon in der Grundschule, später dann noch massiver in der Hauptschule wird der Junge von den anderen ausgelacht, gehänselt, dann auch geschlagen und von älteren Jungen sexuell missbraucht. „Das will ich nicht genauer erklären, da mag ich heute noch nicht dran denken“, sagt der Wahl-Koblenzer, der in einer Kleinstadt im Westerwald aufgewachsen ist, leise.

Maik Seiler verstrickt sich zunehmend in einen religiösen Wahn. Immer stärker sucht er geradezu die Quälereien, weil er glaubt, er könne dann Leid von anderen auf sich ablenken. Die Schullaufbahn verläuft mehr schlecht als recht, später hangelt er sich von einer Arbeitsmaßnahme zur nächsten. Das Einzige, was ihn immer mehr stabilisiert, ist sein Interesse an fremden Sprachen, fremden Völkern, fremden Kulturen. Er kauft Sprach- und Wörterbücher, studiert und vergleicht die Sprachen. „Das füllt mich aus, das interessiert mich.“

1999 geht es nicht mehr: Der religiöse Wahn wird stärker, Maik Seiler erleidet einen richtigen Zusammenbruch. Eine stationäre Therapie markiert den Wendepunkt, ab da geht es immer weiter aufwärts. Mit Betreuung und Therapien lebt der Arzheimer, der am Sonntag 44 Jahre alt wird, gut allein. Er arbeitet seit einiger Zeit in einer Außenstelle der Rhein-Mosel-Werkstatt, in der die Datenarchivierung für externe Firmen gemacht wird. „Das ist ganz schön anspruchsvoll“, sagt er ein bisschen stolz. Die Kollegen sind super, die Arbeit macht ihm Spaß. „Das ist eigentlich wie bei ganz normalen Leuten“, sagt er lächelnd.

Dann ist sie wieder da, die Angst

Mehr als drei Tage in der Woche kann er aber nicht arbeiten, das wäre zu anstrengend. Denn Maik Seiler ist nach wie vor weit davon entfernt, gesund zu sein. Immer wieder wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Dann zum Beispiel, wenn er im Bus einer Gruppe Jugendlicher gegenübersitzt, die sich versteckt oder offen über ihn lustig machen. Dann ist sie wieder da, die Angst. Oder wenn die Kinder hinter ihm herrufen oder vor ihm weglaufen, vermutlich, weil ihre Eltern ihnen gesagt haben, der Mann wäre gefährlich. „Ich habe keinerlei pädophile Neigungen“, sagt Maik Seiler ernst. In vielen Gesprächen hat er gelernt, seine Wut über solche Vorurteile zu beherrschen. „Unter anderem mit den Leuten bei der Stiftung Bethesda“, sagt er und schließt damit den Kreis. „Wenn ich mir da keinen Rat mehr holen kann, wird es echt schwierig für mich.“

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